Samstag, 4. Januar 2014

Sind probiotische Produkte gesund oder gefährlich? Oder ist alles nur ein Werbe-Trick der Lebensmittelindustrie?

Wie sieht es bei sogenannten probiotischen Produkten aus. 
Die darin enthaltenen Mikroorganismen sollen gesundheitsfördernd sein. Um ihre ("angebliche") Wirkung zu entfalten, müssen sie ihrem Einsatzort - dem menschlichen Verdauungssystem - gut angepasst sein (und dieses auch erreichen). Am besten wohl dadurch, dass sie - bzw. ihre Vorfahren - aus genau dieser Umgebung stammen, also aus dem menschlichen Darm. So enthält eine bekannte Joghurt-Sorte einen Stamm des Bakteriums Lactobacillus casei, dessen Ursprung erwiesenermaßen im menschlichen Verdauungssystem liegt.

Wirklich gesund, oder nur gut beworben?
Zum Beispiel Yakult®enthält die Bakterienstamm Lactobacillus casei Shirota, dieser wurde ursprünglich aus menschlichen Fäkalien getrennt.
Auch der Kulturstamm Lactobacillus casei DN-114001, der z.B. in Actimel® (Produktionsfirma Danone®) enthalten ist hat den gleichen Ursprung, zu Lactobacillus casei DN-114001 gibt es darüber hinaus derzeit teilweise kontroverse Aussagen über dessen positive Wirkung auf den Organismus. Jede dieser Firmen züchtete dann ihren eignen Lactobacillus casei Stamm, mit speziellen Namenszusatz, was aber bleibt ist das Lactobacillus casei, wie es auch immer zusätzlich heißen mag.

Den Appetit nicht verderben lassen?
Was wenige wissen - eine eklige Kleinigkeit, die nie erwähnt wird: Wie schon oben erwähnt entstammen die gebräuchlichen Probiotika Bakterien, den menschlichen Fäkalien (woraus sie gewonnen werden). Diese werden dann isoliert und, unter Laborbedingungen weitergezüchtet und biotechnisch verändert.

Glaubt man der Werbung, steigern nur probiotische Joghurts die Immunabwehr, viele Ernährungswissenschaftler bezweifeln das.

Doch normales Joghurt tut es auch
Die Grundidee hinter probiotischen Lebensmitteln ist, dass der Darm von möglichst günstigen Bakterien besiedelt wird, die helfen, das Immunsystem gegen Infektionen und Darmerkrankungen zu stärken. Dabei handelt es sich um Bakterien mit den Namen Lactobacillus acidophilus, Lactobacillus casei oder Bifidobacterium bifidum.

Die Begründung für den Einsatz von probiotischen Bakterien, so Sabersky, ist, dass sie gegenüber Gallen- und Magensäure resistent sein sollen und den Gang durch den Darm besser überstehen.

Tatsächlich werden die natürlicherweise im Joghurt oder Topfen vorkommenden Milchsäurebakterien nach dem Genuss teilweise inaktiviert. Aber eben nur teilweise. Rund 15 Prozent erreichen den Darm trotzdem und können dort ihre positive Wirkung entfalten. Deshalb: Ein normales Joghurt ist genauso gut für den Darm wie ein probiotisches Joghurt und kostet weniger.

Hintergrund: 
Das Milchsäurebakterium L. casei kommt natürlicherweise im Verdauungstrakt von Säugetieren vor, obwohl sein Wachstumsoptimum bei nur 30 °C (und nicht bei 37 °C, also unserer Körpertemperatur) liegt. Lactobacillus casei kann sich aber sowohl bei sehr verschiedenen Temperaturen (zwischen 15 und 45 °C) als auch bei unterschiedlichsten pH-Werten der Umgebung gut vermehren, so dass es insgesamt als äußerst widerstandsfähig und robust gilt.

Sogar Todesfälle durch Probiotika möglich
Laut einer in der Wissenschaftszeitschrift „Lancet“ veröffentlichten US-Studie mit 298 Menschen, die an Pankreatitis (akute Bauchspeicheldrüsenentzündung) litten, können Probiotika für diese Patientengruppe sogar zur tödlichen Gefahr werden. Den Patienten waren mittels Magensonde und über den Mund verschiedene probiotische Kulturen zugeführt worden. Man wollte überprüfen, ob die Mittel günstig auf die Erkrankung wirken. 16 Prozent der Teilnehmer, die Probiotika verzehrt hatten, verstarben. In einer Placebo-Gruppe, die ein Scheinmedikament bekamen, starben nur sechs Prozent. Die Experten betonen, dass Probiotika keine harmlosen Nahrungsergänzungsmittel sind, vor allem nicht für Menschen mit schweren Erkrankungen. Bei verschieden Krankheiten also eher Vorsicht!
Quellen: Annette Sabersky, Buch -Functional Food – 99 verblüffende Tatsachen - >>> BUCHLINK und
Wissenschaftszeitschrift „Lancet“

Buch Functional Food - 99 verblüffende Tatsachen: Lebensmittel oder Arznei?
Zur Person: Annette Sabersky ist Ernährungswissenschaftlerin und Journalistin. Seit rund 20 Jahren beschäftigt sie sich mit der Qualität von Lebensmitteln. Ein Schwerpunkt der langjährigen Öko-Test-Redakteurin ist die Ernährung von Kindern.